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News des 7. September 2023

Twitterer The Transcript zeigt eine aktualisierte Aufstellung seitens der Marktbeobachter von IBS zu den Chip-Entwicklungskosten, welche nunmehr auch bis hinunter zum 2nm-Node geht. Aus den zweistelligen Millionen-Dollar-Beträgen bis zum 16nm-Node sind nachfolgend fette dreistellige Millionen-Dollar-Beträge geworden, mit einer der zukünftigen Fertigungsstufen dürfte dann denkbarerweise die Milliarde-Dollar-Marke genommen werden. Logischerweise gilt diese Aufstellung nur für beachtbar große Chips, keine Kleinchips. "Groß" muß in diesem Zusammenhang aber anzunehmenderweise nicht unbedingt das Format eines GH100-Chips (814mm²) bedeuten, auch ein typischer Apple-SoC (M2: 152mm²) wird hierbei dazugehören. Ansonsten dürfte man derzeit kaum schon Kostenlagen für den 2nm-Node aufstellen können – dessen Übernahme als Standardfertigung für Kleinchips u.U. noch eine Dekade entfernt liegt.

Über die Höhe der genannten Zahlen kann man im übrigen diskutieren, jene erscheinen zumindest teilweise als übertrieben. Denn wenn ein neuer Grafikchip tatsächlich 500 Mio. Dollar Entwicklungskosten hat, dann wären dies bei 5 Mio. abgesetzten Grafikchips gleich 100 Dollar pro Chip an zusätzlichen Kosten, welche dann auf die reinen Fertigungskosten oben drauf kommen. Dies wäre beispielsweise bei Navi 31 durchaus realisierbar, aber bei Navi 32 oder Navi 33 würde die Rechnung wesentlich schwieriger. Die vorgenannten 5 Mio. abgesetzter Grafikchips könnten dabei sogar eine typische Größe darstellen: AMD verkauft ca. 2 Mio. Grafikchips pro Quartal, bis zur typischen Ablösung durch eine neue Generation nach 2 Jahren sind es somit 16 Mio. Grafikchips, welche sich auf drei Grafikchip-Modelle aufteilen. Die genauen Zahlen werden sicherlich anders aussehen, aber man darf diese Rechnung nicht nur aus dem Blickwinkel eines erfolgreichen Chips sehen – sondern muß genauso auch die weniger erfolgreichen mit betrachten.

Generell ist das Problem der explodierenden Entwicklungs-Kosten natürlich nicht neu, es geht halt "nur" über die letzten Nodes in Größenbereiche hinein, wo jedes Chip-Projekt wohlüberlegt sein will. Gleichfalls steigt der Druck zugunsten von Einsparungen über einfache Wege wie die Wiederverwertung bekannter Baublöcke in neuen Chip-Entwicklungen (geringerer Design- und Validierungsaufwand) oder komplizierte Wege wie die Chiplet-Technologie. Jene hat nicht nur Fertigungs-technische Vorteile (höhere Fertigungsausbeute durch kleinere Chipflächen sowie passendere Fertigung für jeden Einzelchip), sondern kann (ganz zu Ende geführt) sogar die Anzahl der Einzelchips reduzieren – dann, wenn ein komplettes Portfolio nur noch aus einem Baukasten von Einzelchips erstellt wird. Im Prozessoren-Bereich ist AMD hier mit seinen Desktop-Prozessoren schon dran an diesem Ideal, aber es fehlt natürlich noch der Mobile-Bereich zur Perfektion. Selbiges strebt währenddessen auch Intel an, wo "Meteor Lake" dann aus mehreren Einzelchips (aus unterschiedlichen Fertigungsverfahren) zusammengesetzt wird.

Der eigentliche Clou ergibt sich allerdings erst dann, wenn auch die Compute-Chips derselben Art (sprich reiner CPU-Teil oder reiner Grafik-Teil) auf mehrere Einzelchips aufgeteilt werden, womit dann auch die Leistungsklasse von klein zu groß skaliert werden kann. Dies wollte AMD augenscheinlich mit der RDNA4-Generation angehen, hat dieses Projekt jedoch angeblich fallengelassen. Hier dürften sicherlich die Erfahrungen mit den aktuellen Navi 31/32 Chips eingeflossen sein, welche die Ziel-Taktraten nicht erreicht haben bzw. zu viel Strom für die erbrachte Performance benötigen. Denkbarerweise ist dies eben wegen des Chiplet-Ansatzes passiert, welches möglicherweise zur viele (stromfressende) Datentransfers benötigt. Langfristig dürfte dies allerdings nur ein temporärer Rückschlag auf dem Weg zu echten Chiplet-Projekten sein. Denn wenn die Entwicklungskosten pro Chip-Projekt weiterhin derart steigen, geht es nicht ohne konzeptionell neue Wege.

Zur gestern anhand der Marktstart-Verkaufszahlen geäußerten Einschätzung, dass die Preislage der Radeon RX 7700 XT schlicht zu hoch für einen echten Markterfolg sei, wäre noch zu erwähnen, dass dies die reine Konsumenten-Sicht darstellt. Es gibt hierzu natürlich auch andere Betrachtungsweises, welche nicht minder interessant sind. So kann man aus AMD-Sicht eher davon ausgehen, dass diese Preis-Situation keine Fehlentscheidung darstellt, sondern bewußt derzeit angesetzt wurde. Denn das klar zurückliegende Performance/Preis-Verhältnis der Radeon RX 7700 XT führt natürlich bei allen Interessenten von Navi-32-Karten zu einer klaren Tendenz zugunsten der Radeon RX 7800 XT. Business-technisch handelt es sich somit um ein "Upselling" – die Konstruktion einer Marktsituation, in welcher das teurere Produkt für den Konsumenten als "besserer Deal" erscheint und in der Folge eben (viel) mehr vom teureren Produkt verkauft wird. Für AMD macht dies derzeit doppelt Sinn, denn im Preisbereich von unter 400 Euro hat man nach wie vor seine Navi-23-basierten Beschleuniger (Radeon RX 6700 Serie) stehen, welche augenscheinlich auch noch nicht auslaufen sollen.

Gleichfalls droht von nVidia keine echte Gefahr, selbst nicht nach der Preissenkung der GeForce RTX 4060 Ti 16GB. Insofern ist es sehr gut möglich, dass sich AMD bewußt für diesen hohen Startpreis der Radeon RX 7700 XT entschieden hat. Schade ist natürlich, dass man hiermit nicht den Versuch unternommen hat, mittels eines günstigen Preispunkts mal wieder ein paar mehr Marktanteile zu erobern. Denkbar aber auch an dieser Stelle, dass die Marktstrategen bei AMD abgewunken und auf die Grafikkarten-Geschichte verwiesen haben, wo AMD oftmals selbst bei klaren Performance/Preis-Vorteilen nie anständig mit höheren Marktanteilen belohnt wurde. Dennoch darf man annehmen, dass die Radeon RX 7700 XT irgendwann einmal substantiell im Preis fallen wird. Dies könnte im Zusammenhang mit einem eventuellen Auslauf-Status bei der Radeon RX 6700 Serie passieren, oder aber wenn nVidia denkbarerweise neue Angebote für dieses Preissegment aufstellen sollte.

Momentan scheint die Radeon RX 7700 XT schlicht nicht für große Stückzahlen-Absätze gemacht zu sein, sondern soll selbige (anzunehmenderweise) zur Radeon RX 7800 XT lenken. Aber es wird sicherlich der Tag kommen, wo auch die Radeon RX 7700 XT Stückzahlen für AMD erbringen soll. Dann senkt AMD die internen Abgabepreise, die Grafikkarten-Hersteller und Händler können nachziehen und schon kann auch aus der Radeon RX 7700 XT noch ein attraktives Angebot werden. Leider muß dies überhaupt nicht in nächster Zeit passieren, solcherart Fälle sind durchaus schon einmal erst nach einigen Quartalen wieder zurechtgerückt worden. Leider haben selbst die Grafikkarten-Käufer mit ihrer Kauf-Zurückhaltung wenig Einfluß auf solche Dinge – denn sollte AMD hier wirklich einen Fall von geplantem Upselling laufen haben, dann wird man vorausschauenderweise vergleichsweise wenige Radeon RX 7700 XT Karten produziert haben, damit sich keine großen Lagerbestände aufbauen und man somit nie in Verkaufsdruck kommt.