Launch-Analyse Intel Rocket Lake (Seite 3)

Montag, 5. April 2021
 / von Leonidas
 

Mittels Abschaltens der Power-Limits im Mainboard-BIOS sowie optional dem Zuschalten von "Adaptive Boost" gewinnen die Rocket-Lake-Prozessoren dann (logischerweise) nochmals an Performance hinzu, verlieren dabei jedoch jegliche Energieeffizienz bzw. erreichen teilweise extreme Verbrauchswerte. Dies soll nachfolgend anhand der ComputerBase-Benchmarks demonstriert werden – wobei hierzu zu beachten wäre, dass die ComputerBase eine sehr hohe Skalierung bei der Anwendungs-Performance aufweist, die aufgestellten Benchmarks in dieser Disziplin somit nur relativ und nicht absolut mit dem vorherigen Werte-Durchschnitt zur Anwendungs-Performance vergleichbar sind. Bei der Spiele-Performance liegen die ComputerBase-Werte hingegen gut im Mittelfeld, sind somit sowohl relativ als auch absolut zum Werte-Durchschnitt bei der Spiele-Performance vergleichbar.

5800X 5900X 11900K no Limits noL + AB
CB: Anwendungs-Performance 112,6% 153,7% 100% 107,6% 111,3%
CB: Spiele-Performance  (720p 1%) 96,6% 102,5% 100% 100,4% 103,0%
CB: CPU-Stromverbrauch  (Prime95) ? 130W 125W 270W 319W
CB: System-Stromverbrauch  (Ø drei Spiele) ? 440W 463W 463W 520W
gemäß den Ausarbeitungen der ComputerBase

Auch wegen der ComputerBase-eigenen (viel) höheren Skalierung bei der Anwendungs-Performance als im Werteschnitt ergibt sich ohne Power-Limits bzw. mit Adaptive Boost ein gutklassiger Zugewinn bei der Anwendungs-Performance sowie ein kleiner, feiner Zugewinn bei der Spiele-Performance. Interessanterweise profitiert die Anwendungs-Performance primär von den freien Limits, Adaptive Boost legt dann den kleinen Teil oben drauf. Bei der Spiele-Performance führen die freien Limits hingegen zu faktisch gar nichts, kommt alles nur vom Adaptive Boost. Die dabei aufgestellten Stromverbrauchswerte lassen beide Maßnahmen jedoch wenig attraktiv erscheinen: Um die 300 Watt (reiner CPU-Verbrauch) für bestenfalls mittelprächtige Performance-Gewinne herauszuballern, lohnt überhaupt nicht. Im Spiele-Bereich kann man dagegen disktieren, ob der Mehrverbrauch nicht doch klein genug für eine reale Nutzung ist: Aber man muß das Feature dann halt auch dauerhaft aktivieren, was außerhalb reinster Spiele-PCs die gleiche Effizienz-Problematik aufwirft.

Unter Aktivierung der Power-Limits gibt es dagegen kaum etwas nachteiliges über den Verbrauch von Rocket Lake zu berichten: Die Achtkern-Modelle boosten kurz auf nahezu 250 Watt, genehmigen sich im dauerhaften Last-Einsatz dann jedoch nur die normgerechten 125 Watt. Bemängelbar ist allenfalls, dass dies auch auf den Core i5-11600K/KF zutrifft – dessen Peak erreicht zwar keine 200 Watt, aber bei Dauerlast sind es die gleichen 125 Watt wie bei den Achtkern-Modellen. Für einen Sechskerner ist dies ein vergleichsweise hoher Last-Stromverbrauch, AMDs Ryzen 5 5600X wird spätestens bei 88 Watt (Package-Power, sprich das eigentliche Power-Limit) abriegeln und gewinnt damit jeden Effizienz-Vergleich. Zwischen Ryzen 7 5800X (142W) und Core i9-11900K/KF (125W) liegt zwar nominell das Intel-Modell vorn, aber der Ryzen 7 5800X verbraucht in der Praxis selten soviel wie sein Power-Limit es ermöglichen würde – diesbezüglich kann man also eher von einem Gleichstand reden.

Mit manueller Übertaktung braucht man Rocket Lake hingegen nicht kommen: Auf festen Taktraten gewinnt man kaum einmal mehr als beim reinen Abschalten der Power-Limits (samt optional Adaptive Boost bei Core i9-11900K & -11900KF). Oftmals führt das reine Abschalten der Power-Limits sogar zu einem leicht besseren Performancebild als eine manuelle Übertaktung, weil eine dynamische Taktung letztlich höhere Spitzentaktraten ermöglicht als ein feststehender Takt (was u.a. bei TechPowerUp über ein gesamtes Testfeld nachgewiesen wurde). Einen durchgehenden Performancegewinn gegenüber dem reinen Abschalten der Power-Limits würde es somit nur dann geben können, wenn der feste Takt die höchsten dynamischen Taktraten substantiell übertrifft – beim Core i9-11900K/KF bei 5.2 GHz beginnend. Doch dies schafft Rocket Lake derzeit nicht: Machbar sind beim Core i9-11900K/KF üblicherweise Übertaktungen auf 5.0 GHz, für mehr scheint das vorliegende Silizium nicht geeignet zu sein.

Mit jenen 5.0 GHz könnte man eventuell bei den kleineren Rocket-Lake-Modellen eher im Performance-Plus landen, da dort die regulären Spitzen-Taktraten nicht ganz so hoch liegen. Aber natürlich schlägt Intel die etwas schlechteren Silizium-Stücke den kleineren Prozessoren-Modellen zu, so dass dort eher nur Übertaktungen bis auf 4.9 GHz zu erwarten sind. Dies führt dann letztlich zum gleichen Übertaktungs-Resultat auch bei den kleineren Rocket-Lake-Modellen: Das reine Abschalten der Power-Limits erzielt denselben oder sogar einen leicht besseren Performance-Effekt. Intel ist mit Rocket Lake noch nicht ganz auf dem Niveau von AMD angelangt, wo Übertaktung inzwischen weitgehend zwecklos ist. Aber zumindest die manuelle Übertaktung lohnt nunmehr auch bei Intel nur noch bei einem "Golden Sample" aus der Silizium-Lotterie oder/und exoktischen Kühlmaßnahmen. Spielt zudem die Energieeffizienz für den Anwender eine Rolle, sollte man Übertaktung generell vergessen.

Eher interessant ist (bei beiden CPU-Herstellern) wie üblich die Speicherübertaktung sowie Speicher-Optimierung, gerade zugunsten der Spiele-Performance. Hierbei kann man im CPU-Limit durchaus einige Performance-Reserven heben, je nachdem wie tiefgehend man optimieren möchte. Dabei kommen dann allerdings doch wieder die Gears des Rocket-Lake-Speichercontrollers zum Vorschein, welche auf normgerechten Speichertaktungen (aka DDR4/3200) noch keine Rolle spielen: Doch je höher man mit dem Speichertakt darüber hinaus geht, um so eher wird man zurück zum "Gear 2" und damit einem halbierten Takt des Speichercontollers gezwungen. Der Speichercontroller von Rocket Lake ist also noch lange nicht so taktfreudig wie jener früherer Intel-Prozessoren – was prinzipbedingt aber auch kein Wunder ist und mit zukünftigen Cove-Generationen auf moderneren Fertigungsverfahren noch verbessert werden kann.

Aktuell muß sich Rocket Lake natürlich zuerst einmal gegenüber der momentan vorhandenen Konkurrenz behaupten – was im groben Maßstab recht vernünftig gelingt. Der eigene Vorgänger "Comet Lake" wird beachtbar geschlagen und hat eigentlich nur noch aus Preis/Leistungs-Sicht eine Chance, deren ältere Plattform dabei negierend. Gegenüber AMDs Zen 3 wird nicht ganz dieselbe Anwendungs-Performance, aber wenigstens eine gleichwertige Spiele-Performance erreicht – mit generell jedoch geringen Differenzen, sprich ohne wirklich bedeutsamen Vorteilen auf der einen oder anderen Seite. Allerdings verpasst es Intel bei Rocket Lake auch, irgendwo mal einen wirklichen Sieg zu erringen. Bei der Spiele-Performance ist man nahe dran, aber die Abstände sind zu schmal bzw. die Benchmark-Ergebnisse zu uneinheitlich, um da irgendwem den alleinigen Performance-Thron zuzusprechen.

Die knappen Differenzen setzen sich bei den Performance/Preis-Verhältnissen unter beiden Benchmark-Disziplinen fort, speziell Core i7-11700K/KF und Ryzen 7 5800X liefern sich dabei ein schwer zu entscheidendes Rennen. Augenscheinliche Vorteile erzielt Intel allerdings im Sechskern-Bereich beim Core i5-11600K/KF, welchem ein preisgleiches Zen-3-Pendant fehlt und welcher sich demzufolge gegenüber den (preislich) einzig passenden Zen-2-Modellen sowohl bei der Performance als auch (logischerweise) den Performance/Preis-Verhältnissen klar durchsetzen kann. Dieser gute Ansatz, welchen Intel hierbei im Sechskern-Segment von Rocket Lake offenbart, macht es um so bedauerlicher, dass bis dato kaum Benchmarks zum Core i5-11400/F existieren. Jener kleinere Sechskerner könnte übertaktet und Speicher-optimiert speziell im Spiele-Bereich einiges reißen – was aber natürlich erst einmal mittels entsprechender Testberichte nachgewiesen werden muß.

In der Summe der (derzeit ermessbaren) Dinge bietet Intel mit Rocket Lake eine gute CPU-Generation auf, welche viele Dinge richtig macht und kaum etwas falsch. Es fehlt sicherlich ein gewisser Halo-Effekt – etwas wo Intel richtig glänzen kann. Darüber geht dann verloren, dass Intel hiermit nahe genug an AMD herankommt, auf dass eventuelle Performance-Differenzen eigentlich nicht mehr spürbar sind. Einen beachtbaren Unterschied gibt es nur unter höherer Kern-Anzahl rein im Feld der Anwendungs-Performance – sprich bei Ryzen 9 5900X & 5950X. Aber im Feld der derzeit üblicherweise verkauften Consumer-Prozesoren mit 6/8 CPU-Kernen und einen Mix aus Anwendungs- und Spiele-Performance betrachtend, ist es kaum gerechtfertigt, Intel einen klaren zweiten Platz zuzuweisen. Wäre die Situation (vor ein paar Jahren) umgedreht, würde man AMD wahrscheinlich ob der nahezu gleichen Performance mit Lob überschütten. Beide Prozessoren-Serien sind also aus Anwender-Sicht sehr wohl gangbar.

Eher interessant ist der Punkt, wieso Intel trotz des enormen IPC-Zuwachses mit Rocket Lake nicht noch weitergekommen ist, als man letztlich erreicht hat. Denn real ausgemessene +17% IPC auf Comet Lake oben drauf sollten eigentlich (knapp) für die Performance-Führerschaft langen. Diesem hohen IPC-Gewinn stehen jedoch diverse Taktratenverluste gegenüber – nicht im großen Maßstab, aber dennoch den IPC-Effekt etwas abmildernd. Die geringeren Taktraten zeigen sich in der Praxis nur versteckt, augenscheinlich ist allein der durchgehend etwas niedrigere Base-Takt gegenüber Comet Lake. Teilweise reduziert auch einfach das gesetzte Power-Limit die maximal erreichbaren Taktraten – gut daran zu sehen, dass der Performance-Zuwachs von Rocket Lake im Sechskern-Feld etwas größer ausfällt als im Achtkern-Feld (wo man eher ans Power-Limit schlägt). Zukünftige Intel-Generationen unter moderneren Fertigungsverfahren dürften diese Reserven dann sicherlich heben können.

IPC-Gewinn höchste Taktraten üblicher OC-Takt
Core 2   (2007, 65nm) - 2.4 GHz ~3.2 GHz
Core 2 Refresh   (2008, 45nm) +9% 3.0 GHz ~4.0 GHz
Nehalem   (2008, 45nm) +31% (inkl. HT) 3.2/3.46 GHz ~3.8 GHz
Sandy Bridge   (2011, 32nm) +15% 3.5/3.9 GHz ~4.5 GHz
Ivy Bridge   (2012, 22nm) +6% 3.5/3.9 GHz ~4.5 GHz
Haswell   (2013, 22nm) +8% 3.5/3.9 GHz ~4.4 GHz
Haswell-Refresh   (2014, 22nm) - 4.0/4.4 GHz ~4.6 GHz
Broadwell   (2015, 14nm) ~5% 3.3/3.7 GHz ~4.2 GHz
Skylake   (2015, 14nm) +8% (zu Haswell) 4.0/4.2 GHz ~4.5 GHz
Kaby Lake   (2017, 14nm) - 4.2/4.5 GHz ~4.8 GHz
Coffee Lake   (2018, 14nm) - 4.0/5.0 GHz (6C) ~4.9 GHz (6C)
Coffee Lake Refresh   (2018, 14nm) - 3.6/5.0 GHz (8C) ~5.1 GHz (8C)
Comet Lake   (2020, 14nm) - 3.7/5.3 GHz (10C) ~5.1 GHz (10C)
Rocket Lake   (2021, 14nm) +17% (zu CML) 3.5/5.3 GHz (8C) ~5.0 GHz (8C)
ohne HEDT-Prozessoren bzw. nicht oberhalb $600 Listenpreis; Taktraten-Angabe generell für Vierkerner (oder besser, wenn verfügbar)

Sicherlich nicht gerade für Rocket Lake spricht dessen später Start und die damit absehbar kurze Verweildauer am Markt: Intels nachfolgende Prozessoren-Generation "Alder Lake" soll schließlich schon Ende diesen Jahres gelauncht werden, bringt zudem mit verbesserter Architektur, mehr CPU-Kernen und der 10nm-Fertigung neue Ansatzpunkte. Die für Rocket Lake eingesetzte Plattform um den Sockel LGA1200 endet damit genauso, die nachfolgenden Intel-Prozessoren werden für den Sockel LGA1700 erscheinen. Andererseits ist auch bei AMD das Ende der aktuellen AM4-Plattform zugunsten der mit Zen 4 zu erwartenden AM5-Plattform absehbar, allenfalls der mögliche Refresh "Zen 3+" könnte jenes noch einmal etwas hinauszögern. Zudem kann man natürlich jederzeit auf zukünftige Hardware warten, auch die kommenden AMD- und Intel-Prozessoren werden ihre jeweiligen Nachfolger haben. Für den Augenblick bietet Intel mittels Rocket Lake AMD ganz gut die Stirn, gibt zwar das Marktsegment oberhalb von acht CPU-Kernen ganz kampflos auf, zeigt dafür jedoch im Sechskern-Bereich aus Preis/Leistungs-Sicht sogar die (etwas) besseren Angebote.

Nachtrag vom 6. April 2021

Die Launch-Analyse zu Intels "Rocket Lake" beinhaltet einen gewissen Fehler, wonach nicht beachtet wurde, dass die TechPowerUp-Benchmarks leider nur unter "Gear 2" des Rocket-Lake-Speichercontrollers stattfanden, da dort "Gear 1" auf der gewählten Speichertaktung (DDR4/3800) instabil lief. Nominell ergibt dies einen vertretbar kleinen Unterschied bei der Anwendungs-Performance, bei der Spiele-Performance von Rocket Lake können jedoch größere Differenzen auftreten und wäre daher ein solcher Zustand normalerweise zu vermeiden (besser den Speichertakt entsprechend etwas heruntersetzen, bis "Gear 1" wieder gehalten werden kann). Während dieser Lapsus in der Praxis bei den von TechPowerUp aufgestellten Anwendungs-Benchmarks absolut nicht sichtbar ist, rangieren die TechPowerUp-Werte bei den Spiele-Benchmarks jedoch deutlich bemerkbar am unteren Ende der Werte-Skala – was sich somit nunmehr erklären läßt. Zum Glück ist deren Einfluß auf das Insgesamt-Bild nicht gerade hoch, da für den Performance-Schnitt nicht unerheblich zugunsten jener Testberichte mit gutklassiger Werte-Skalierung gewichtet wurde:

Spiele (CPU-Limit) 10600K 10700K 10900K 3600XT 5600X 5800X 5900X 11600K 11700K 11900K
TechPowerUp (10T, 720p avg) 94,5% 101,1% 106,8% - 101,2% 105,7% 105,1% 93,7% - 100%
Perf.-Durchschnitt (Original) 81,4% 89,2% 95,5% 76,6% 94,6% 98,5% 100,2% 89,8% 96,1% 100%
Perf.-Durchschnitt (ohne TPU) 80,7% 88,6% 94,9% 76,4% 94,3% 98,1% 99,9% 89,5% 96,1% 100%

Wie zu sehen, ändert sich das Gesamtbild durch die Herausnahme der TechPowerUp-Werte üblicherweise nur im Rahmen eines halben Prozentpunkts – nichts, was zu einer abweichenden Einschätzung über die Spiele-Performance von Rocket Lake führen würde. Natürlich besteht das Potential zu noch stärkeren Index-Veränderungen, insofern mehr Benchmarks vorliegen würden, welche gute Werte-Skalierungen zwischen den Prozessoren bei deren Spiele-Performance aufzeigen. Leider steht jenes Thema, wirkliche Performance-Unterschiede unter heutigen Spielen herauszuarbeiten, derzeit weiterhin noch am Anfang – und man kann für solcherart Benchmark-Auswertungen schließlich auch nur das benutzen, was an Meßwerten vorhanden ist. An dieser Stelle hätte Intel eventuell ein wenig mehr Arbeit investieren sollen in Anleitungen & Ratgeber, welcher den Hardwaretestern entsprechende Vorgehensweisen näherbringen. Derzeit ist gerade in der Masse der Testberichte noch kein großes Bewußtsein für diesen Punkt vorhanden, werden weiterhin breitflächig Standard-Benchmarks unter höheren Auflösungen publiziert, welche logischerweise primär Grafikkarten-limitiert herauskommen.