Das Intel-Marketing auf vollen Touren gegen AMDs Zen 2

Mittwoch, 24. Juni 2020
 / von Leonidas
 

Neben dem Wettstreit auf technologischer Ebene läuft zwischen AMD, Intel & nVidia immer auch noch ein kleiner Nebenkampf in der Kategorie "Jeder blamiert sich so gut wie er kann". Hierzu liefert Intel nunmehr neues Material durch eine auf einer Intel-Veranstaltung für deren Business-Partnern (große PC-Hersteller) gezeigten Marketing-Präsentation, welche AdoredTV (Bonuspunkte bei der B-Note für "Ironie") in ein generelles Video zu den Benchmark- & Marketing-Taktiken von Intel eingebunden haben. Die (virtuelle) Veranstaltung muß wohl Ende April bis Mitte Mai gelaufen sein, da eine Fußnote zu den notierten Preisen den 28. April 2020 angibt, Intel sich (für den Desktop-Bereich) jedoch allein auf Core i-9000 Prozessoren-Modelle bezieht. Selbige stellt Intel in seiner Präsentation in den Vergleich zu AMDs Zen-2-Prozessoren und versucht dabei primär, sich anhand der (von Intel selber ermittelten) Performance noch vor Zen 2 (aka Ryzen 3000) einzuordnen – besonders deutlich schon beim ersten (releveanten) Bild der Intel-Präsentation:

Die nachfolgenden Präsentations-Folien versuchen dies dann zu belegen, wobei Intel alle Register zieht, um bestmöglich dazustehen und sich zugleich höchstselbst bestmöglich zu blamieren: Da wird ein Ryzen 9 3950X gegen einen Core i7-9700K in den Preis/Leistungs-Vergleich unter Spielen gestellt – doch wer setzt einen 16-Kerner für Spiele an, und wieso zieht Intel hier nicht seine eigenen 16-Kerner in den Vergleich? Dann wird der durchaus richtige Sachverhalt aufgezeigt, dass Spiele viel eher mit Taktrate als mit noch mehr CPU-Kernen oberhalb eines Sechskerners skalieren – ob dies dann also bedeutet, dass die neuen Intel-Prozessoren Core i7-10700K (Achtkerner) sowie Core i9-10900K demnächst gleich wieder EOL gehen? Natürlich darf ein SYSMark-Vergleich nicht fehlen, schließlich ist die letzte diesbezügliche Klatsche noch nicht all zu weit weg und gilt die Benutzung jenes Benchmarks (welcher vom allgemeinen Performance-Schnitt deutlich stärker abweicht als der von Intel gern bemängelt Cinebench) inzwischen als echte Traditions-Pflege bei Intel. Ein gänzlich unseriöser Vergleich von Ryzen 5 3400G rein mit iGPU gegen Core i3-9100F mit GeForce GTX 1050 darf natürlich auch nicht fehlen.

Der direkt nachfolgende Vergleich mit beiderseits extra Grafikkarte sieht zuerst nach einem Fehler des Praktikanten aus, allerdings wird beim angegebenen Preisunterschied der Prozessoren (Intel deutlich günstiger) klar, dass Intel hierbei ausgerechnet das faktisch teuerste LowCost-Modell von AMD in den Vergleich genommen hat – ein Ryzen 5 1500X (seinerzeit ab 93 Euro) wäre treffender gewesen, gänge aber natürlich gegen das aufgestellte Narrativ des günstigeren Intel-Systems. Nach einer weiteren Selbstbekleckerung mit einem SYSMark-Vergleich geht es ins Mobile-Feld, wo Intel zuerst einmal AMDs eigene Performance-Aussagen in Frage stellt. So wie allerdings AMD unter "Spiele-Performance" sich seinen bestmöglichen Vergleich in Form des 3DMark13 FireStrike Physics-Tests heraussucht, so zerrt Intel genauso auch ein paar bestmöglich für Intel laufende Spiele vor die Kamera. Interessanterweise sind dies primär eSports-Titel, deren Performance schnell in den dreistelligen fps-Bereich geht, wo es dann also herzlich egal ist, ob man 160 oder 180 fps erzielt (immerhin 13% besser).

Lief dieser erste Mobile-Vergleich noch auf gleicher Grafiklösung (beiderseits GeForce GTX 1660 Ti) ab, erregt derzeit insbesondere der zweite Mobile-Vergleich in Slide #29 die Gemüter. Denn Intel hat hierbei nun zwar unter ernsthaften Spiele-Titeln verglichen, dafür aber tatsächlich unterschiedliche Grafikkarten-Modelle angesetzt: Die der Intel-CPU mitgegebene GeForce RTX 2060 Mobile taktet mit 1110/1335/3500 MHz und darf nominell bis zu 90 Watt TDP verbrauchen (je nach Gusto des Notebook-Herstellers), die der AMD-CPU mitgegebene GeForce RTX 2060 MaxQ taktete hingegen mit 975/1185/3500 MHz und wird üblicherweise nur auf dem niedrigsten TDP-Wert angesetzt, welchen nVidia für jene Mobile-Grafiklösungen spezifiziert – sprich 65 Watt (vorgenannte Taktraten lt. Notebookcheck-Tests). Selbst auf ansonsten gleicher Hardware sollte dieser TDP- und Taktraten-Unterschied durchaus einen gewissen Performance-Unterschied auslösen, wobei dies dann auch von der konkreten Ausgestaltung (beispielsweise der Kühllösung) im jeweiligen Notebook abhängt.

Dabei ist an diesem Fall vielleicht sogar weniger dran, als man zuerst denken mag: Laut den jeweiligen Tests der durch Intel benutzten Laptops beim Notebookcheck (MSI GL65 mit Core i7-10700H samt GeForce RTX 2060 Mobile bzw. Asus Zephyrus G14 mit Ryzen 9 4900HS samt GeForce RTX 2060 MaxQ) ergibt sich eine Differenz bei deren Grafikperformance-Messungen von bestenfalls ca. 5% unter dem 3DMark13 – unter Spiele-Benchmarks tendentiell sogar geringer. Trotz dass das Asus-Gerät mit der MaxQ-Grafiklösung klar als 14"-Reisebegleiter konzipiert wurde (1,6K kg), während das MSI-Gerät als ernsthaftes 15"-Laptop ausgelegt ist (2,3 kg), scheinen also Takt- und TDP-Differenzen dieser beiden nominell unterschiedlichen Grafiklösungen nicht so sehr zu einer unterschiedlichen Grafik-Performance zu führen. Andererseits ist es dann verwunderlich, wenn Intel innerhalb seiner eigenen Benchmarks plötzlich eine Performance-Differenz unter immerhin 6 Spiele-Benchmarks (nur ein eSports-Titel) von durchschnittlich +21% ermitteln kann.

Dies zeigt dann eher darauf hin, dass unter den richtigen Tests durchaus ein Grafik-Unterschied zu erzielen ist – nur dass jener in dieser Höhe kaum durch die CPU verursacht sein kann, sondern allein über die Grafiklösungen mit ihren unterschiedlichen Taktraten & TDPs. Wie Intel es hinbekommen hat, derart abweichende Performance-Resultate gegenüber Notebookcheck zu erzielen, sei dahingestellt. Doch entweder sind die Notebookcheck-Resultate korrekt und es existiert hier gar kein beachtbarer Performance-Unterschied – oder Intel hat mit beachtbarer abweichender Grafiklösung dann Grafikkarten-Benchmarks angefertigt, welche Vorteile der Intel-CPU herausstreichen sollten, aber natürlich nur die unterschiedlichen Grafiklösungen (zugunsten Intels) vermessen haben. Mit der Verwendung jener unterschiedlicher Grafiklösungen hat Intel der Kritik in jedem Fall höchstselbst Tür & Tor geöffnet. Dies ist ein Fehler, welchen man sich heutzutage einfach nicht mehr erlauben kann – gerade wo es genügend Laptops in allen möglichen Konfiguationen gibt, wo also der (wirklich) passende Vergleichspartner sicherlich zu finden ist.

In jedem Fall handelt es sich um einen "würdigen" Abschluß dieser Intel-Präsentation – welche aber wenigstens anzeigt, das Intel den Wettbewerb mit AMD sehr ernst nimmt und durchaus um weitere Marktanteile fürchtet. Und wenn Intel mit einem Übermaß an falsch gesetzten Vergleichen nicht so maßlos auf die Pauke hauen würde, wäre vielleicht sogar Platz gewesen, die guten Ansätze einiger Intel-Prozessoren herauszustreichen. Aber so, wie es gemacht ist, dürften sich selbst die bei der Intel-Veranstaltung (virtuell) anwesenden OEM-Vertreter veräppelt gefühlt haben – jene sind schließlich auch nicht aus der Welt und dürften die kredenzten Performance-Werte durchaus ganz gut selber einschätzen können. Die Zeit für solcherart "Vergleiche" ist vorbei – und die Zeit, wo solcherart Präsentationen nicht das Licht der Öffentlichkeit erblicken, genauso. Intel muß wohl auch sein Marketing-Team auf Vordermann bringen, jenes ist augenscheinlich in einer Zeit stehengeblieben, wo OEMs & Presse noch jedes Wort von Intels Lippen mit heiligem Ernst abgelesen haben.

Nachtrag vom 26. Juni 2020

Wie die PC Games Hardware schon zum Monatsanfang berichtete, hat Intel-CEO Bob Swan in seiner Computex-Botschaft (zum Ende des Mai) die bemerkenswerte Aufforderung an die PC-Industrie gerichtet, sich künftig nicht mehr auf Benchmarks zu konzentrieren, sondern eher die Vorteile und Effekte der jeweils neuen Technologien herauszustreichen. An der generellen Aussage ist nichts falsches (so lange man jene nicht absolut betrachtet, wie selbige aber sicherlich nicht gemeint ist) – aber natürlich bekommt das ganze ein "Geschmäckle", wenn Intel diesen Vorstoß ausgerechnet dann ansetzt, wenn Intel (wie derzeit) in vielen Benchmarks gegenüber AMD zurückliegt. Ob jene Forderung wirklich etwas verändert, ist dagegen sowieso zu bezweifeln: Die von Intel zuletzt im Server-Bereich (mittels Cascade Lake & Cooper Lake) getätigten Innovationen mit neuen CPU-Befehlssatzerweiterungen zugunsten von DeepLearning-Berechnungen sind natürlich genauso auch über Benchmarks quantifizierbar. Daneben gelten Benchmarks nun einmal als vergleichsweise unparteiischer Gradmesser (auch wenn dies per se gar nicht zutrifft), Produkt-Bewertungen mit viel Prosa hingegen als potentiell tendentiös.

We should see this moment as an opportunity to shift our focus as an industry from benchmarks to the benefits and impacts of the technology we create. The pandemic has underscored the need for technology to be purpose-built so it can meet these evolving business and consumer needs.
Quelle:  Intel-CEO Bob Swan in seiner Computex-Botschaft via YouTube am 28. Mai 2020

Aber natürlich kann der Intel-CEO auch sein eigenes Markting-Team gemeint haben, welches in Intels jüngster Marketing-Präsentation in reihenweise (halbseidener) Benchmarks gegenüber AMD schwelgt. In diesem Fall wäre die Konzentration weg von Benchmarks möglicherweise doch besser gewesen – oder aber das Anbringen von wirklich guten Benchmarks, welche im Spiele-Bereich (abseits von durchschnittlichen Frameraten) schließlich durchaus existieren, Intel muß da einfach mehr als die bisherige Standardkost bringen. Letztlich sind beide Fälle aber natürlich nichts anderes als das Zurechtbiegen von Realität, neudeutsch "Marketing" genannt: Wenn man schlecht aussieht in Benchmarks, sollen es weniger davon sein – wenn man gut aussieht, darf es nichts anderes sein. Sobald Intel eines Tages wieder in die Spur gefunden hat, dürften diese Aussagen vergessen sein, dann wird auch Intel selber wiederum so viele Benchmark-Vergleiche wie möglich anstreben. Gänzlich ernst zu nehmen ist dies alles natürlich nicht – was man durchaus übergehen könnte, was aber auch nicht ganz so gut kommt angesichts der Größe und Bedeutung einer Firma wie Intel (mit 72 Mrd. Dollar Jahresumsatz).